Mythos des Namens

Eine Weihnachtsgeschichte
Wir schreiben das Ende des 17. Jahrhunderts. Ein genauerer Zeitpunkt lässt sich für diese
Geschichte nicht festlegen. Aber das ist vielleicht auch gar nicht so wichtig… Viel wichtiger ist eine Person namens Liselotte. Weit gereist, eine Frau von Welt. Wie es der Zufall so wollte, kam sie zu jener bestimmten Zeit gerade in Venedig, Italien an. Sie war mit einem mächtigen Handelsschiff gereist und hatte allerhand kleine Kostbarkeiten von ihrer Reise mitgebracht. Doch was ihr am Meisten fehlte -seit sie ein kleines Mädchen war- hatte sie nicht gefunden: Ein Ort, an dem sie sein konnte, ohne gleich wieder wegzuwollen: Ein Zuhause.
Grob war sie im Südwesten von Deutschland verwurzelt, was auch immer das heißen mag. Doch dorthin wollte sie nicht mehr. Stattdessen hatte sie Wind bekommen von weisen Dichtern und Denkern, grossen Philosophen, die in einer kleinen Stadt, im Osten der Republik wohnten.
Lieselotte, neugierig, immer am Puls der Zeit machte sich also auf den Weg…ins Ungewisse. Mit ihren Siebensachen bepackt zog sie los. Von Venedig, nach Trient. Über weitläufige Apfelbaumfelder, wo sie schließlich einen besonderen Menschen traf: Hernando, der Exil-Spanier und nun italienischer Apfelbauer. Er hatte ein gutes Herz und als er die schwer bepackte Liselotte am Straßenrand entlangwanken sah, stetig, fest ihrem Ziel entgegen, entschloss er sich kurzerhand sie auf seinem Gefährt mitzunehmen. Er war gerade unterwegs nach München, wo er seine
besonders köstlichen Äpfel zu einem -so hoffte er- gewinnbringenden Preis an den damals amtierenden Wittelsbacher Herzog Karl-Theodor verscherbeln wollte. Liselotte war froh über Gesellschaft, und die beiden verband innerhalb kürzester Zeit eine tiefe Freundschaft.
„Hernando, warum bist du weg aus Spanien gegangen? Vermisst du nicht deine Heimat
manchmal?“ Fragte ihn eines Tages Liselotte. „Weisst du..Liselotte. Du bist schon viel gereist. Doch im Gegensatz zu mir bist du nie irgendwo angekommen. Ich glaube darum geht’s irgendwie im Leben. Irgendwo anzukommen. Irgendwann. Heimat ist nicht nur ein Wort. Oder ein Ort. Es ist ein Gefühl… Dieses Gefühl hatte ich nie in Spanien. Ich bin ein Kind von der Straße. Ein Waisenkind. Habe immer geklaut aus Gärten. Mein größter Wunsch, schon als Kind, war ein Garten. Eigenes Obst und Gemüse, mehr als ich essen kann. Aber viel wichtiger noch: Familie.
Das waren meine zwei Wünsche. Familie und Garten. Beides habe ich schließlich hier in Italien gefunden. Die Welt ist groß und schön. Und egal, wo du dich niederlässt… Du kannst überall zuhause sein.“ Liselotte schwieg nachdenklich und verschloss die Worte fest in ihrem Herzen. Auf dem rumpelnden, ratternden Gespann, überquerten sie die Alpen. Und über Tage und Wochen begann sie nach und nach die tiefe Weisheit hinter Hernandos Worten zu erhaschen.

Teil zwei. Festen Schrittes durchquerte Liselotte schließlich die mächtigen Tore ihres Zieles. Der Stadt an der sich zu besagter Zeit besagte Weisen aufhielten.
Zur Erinnerung: wir schreiben das Ende des 17. Jahrhunderts. Weniges auf der Welt ist schöner als das Wort. Es kann laut sein, leise. Nachdenklich… Malerisch. Wunderhaft..Doch am schönsten ist es, wenn zwei Menschen die selbe Sprache sprechen. Sodass sie eigentlich nicht mehr sprechen müssen, sondern sich blind verstehen. So geschah es, das Liselotte zwar nicht einen weisen Dichter traf, aber doch einen Waisen. Ein Straßenjunge. Verkrusteter Dreck haftete zwischen seinen Zehen, ein drahtiges Kleidungsstück aus grobem Stoff bedeckte seinen Leib; zarter Bartflaum zierte stolz seine Oberlippe. Darüber eine neugierige Nase, die aussah, als würde er sie in jedermans
Angelegenheiten hineinstecken… Und funkelnde schwarze Augen, die einen Blick auf Liselottes frisch erworbenen Brotlaib geworfen hatten. Doch Paco war ein Straßenjung‘ mit Ehre. Anstatt den Laib etwa zu stehlen forderte er Liselotte zu einem Wortgefecht. Die Regeln waren klar, es musst sich reimen: „Der Gewinner bekommt das Brot, der Verlierer ist in Not“ – so fing Paco an. „Doch dann einfach wegzugehn ist ein Verbot, denn wahre Sieger teiln das Brot. Hast du noch n bisschen Jod? Ich mein das Salz – in meinen Hals.
Und selbst wär ich danach tod….Ich würd sterben für ein bisschen Jod. Jod, Jod.“
Diese Wortgewalt gefiel Liselotte und so brach sie das Brot. Doch Jod? Ein kleines Säckchen voll hatte sie tatsächlich von ihrer Reise mitgebracht…Von der Seidenstraße. Und da sie nicht wollte das Paco starb, auf der Suche nach dem Jod, schenkte sie ihm die Kostbarkeit kurzerhand. Von dieser Stund an war Paco stets in ihrer Nähe und feilte immerzu an neuen Reimen – ganz ganz feinen… Wo Paco war, war auch der Rest seiner Bande…Die pöbelnde Isabella allen voran. Die außer sehr gut pöbeln, auch wunderbar Lieder summen und aus tiefster Kehle mitreißend voller Inbrunst lachen konnte. Ihr schenkte Liselotte ein Glitzerkleid..So erschallte nicht nur ihre Stimme kilometerweit; sie überstrahlte gleich auch noch ihre Zeit.
Außerdem war da noch Coretta, die mysteriöse Schönheit mit den goldenen Haaren – und ihre aufgeweckte Freundin Paulinsche – immer für einen Spaß zu haben.
Den Beiden schenkte Liselotte 5 Kaffeebohnen aus Spanien, die, wenn man sie aneinander rieb einen wunderbaren Geruch verströmten…
Innerhalb kürzester Zeit, ohne dass es Liselotte so Recht bewusst geworden war, hatte sie in der kleinen Stadt das gefunden, wonach sie zuvor auf der ganzen Welt gesucht hatte: Ein Zuhause. Zwar noch kein Festes – sie schlief überall und nirgendwo – aber doch..wie Hernando, der Ex- Spanier und nun italienische Apfelbauer gesagt hatte: Heimat ist ein Gefühl. Liselotte war endlich angekommen. Und auch das, was die Leute allgemein unter zuhause verstehen..Also eine Art Wohnsitz, begann sich langsam wie von selbst zu formen. Ein wenig außerhalb der Stadtmauern gab es nämlich ein verfallenes Haus. Wie alt es schon war und wer darin mal gewohnt hatte, konnte Niemand so recht sagen. Die Kinderbande samt Liselotte hielt sich oft dort auf. Sie hatten es sich auch schon recht wohnlich gemacht. Aber das bröckelnde Gemäuer war gefährlich und so trauten sie sich nicht tiefer hinein. Als das der Zimmermann Anatoli sah, der zufällig des Weges kam, fasste er sich ein Herz. Denn die Bande aus zerlumpten Kindern und die nicht weniger zerlumpte Liselotte taten ihm Leid. Obwohl er schon bald merkte, dass dieses Mitleid nicht angebracht war. Denn trotz der Armut ging es den Fünfen gut und es fehlte ihnen an Nichts – Außer einem wirklichen Unterschlupf. Und so verstärkte Anatoli mit geübtem Auge das Haus mit dicken Balken. Der Wandersgeselle Arno aus Nürnberg half ihm dabei. Dieser hatte die Fähigkeit -in für Andere Leute unerreichbare Höhen zu klettern und dort Seile, Haken oder Winkel anzubringen.
Das Haus wuchs und wuchs zu seiner alten Größe. Und was anfangs nur als kleine Baustelle angefangen hatte, wurde bald zu einem immer größer werdenden Unterfangen, bei dem immer mehr Leute mitarbeiteten. Z.B. der Architekt Toni, der das etwas chaotische Projekt versuchte in geordnete Bahnen zu lenken – was zumindest teilweise von Erfolg gekrönt war. Dieser Erfolg war aber auch der umsichtigen Rita und dem freundlichen Jeremias zu verdanken, die an allen Ecken und Enden mit anpackten und auch mal einen strafenden Blick in die Runde werfen konnten, wenn etwas nicht so gut lief, oder die richtigen Worte fanden. Die Werkzeuge für den Bau des Hauses kamen von dem alten Mann Addi, der immer darauf achtete, dass alle Äxte und Messer die entsprechende Schärfe hatten und ganz allgemein sich einfach Alles in gutem Zustand befand und pfleglich behandelt wurde.
Motivierende Ansprachen kamen von Janine, wenn Alle so wie sie zu sagen pflegte „mal wieder ihren Arsch nicht hochbekamen“. Das funktionierte sehr gut und ruck zuck war nicht nur das Haus fertig, aus der ursprünglichen Bau-Gemeinschaft war auch eine wirkliche Gemeinschaft geworden. Die anfängliche Idee das Haus „nur“ für Liselotte und die Kinder bereitzustellen entwickelte sich weiter. Es war nämlich so schön geworden, dass plötzlich jeder darin wohnen wollte. Und Platz genug war -bei Gott- wirklich vorhanden. Nach und nach zogen also auch die Freunde der Bau- Gemeinschaft ein. Von Nah und Fern. Corettas Cousin Amadeus, der stets langsam und getragen sprach und jedes Wort dreimal abzuwägen schien, was er sagte. Doch gab man ihm etliche Schluck Wein, so konnte er in fröhlichen Gesang ausbrechen und so schnell tanzen wie wenig Andere es vermögen. Seine Liebste Anna brachte er auch gleich mit. Anfangs nur zu Besuch. Doch als sie dann doch länger bleiben wollte, war das natürlich für Niemanden ein Problem. Wie könnte sich ein Mensch auch nicht mit Anna verstehen? Das war schlicht und ergreifend nicht möglich. Janines Freundin Anne-Marie kehrte sogar aus dem fernen Island zurück. Und nicht nur sie kam aus der Ferne..Die Gerüchte über diesen Ort drangen vor bis in den Orient. Und so machte sich Bashar, der Pilger auf die Reise über die Seidenstraße, übers Meer. Und auch er fand ein Zuhause, obwohl er zuvor Niemanden der Beteiligten gekannt hatte und auch große Sprachschwierigkeiten hatte. Doch diese Schwierigkeiten überwand er relativ schnell, etwas zum Ärger mancher Beteiligten wie Jeremias, die ihn nun nicht mehr so gut aufziehen konnten.
Das war unter Anderem Anne-Marie, aber auch der schönen Schirin zu verdanken, die ab und an mit Bashar kleine Marathon Läufe veranstaltete und zusammen mit ihm Besorgungen in der Stadt erledigte. Das war aber nicht immer nötig, denn es gab auch einen kleinen Garten, in dem Obst und Gemüse herangezogen wurde. Unmengen von Mangold zum Beispiel, die man gar nicht so schnell vertilgen konnte, wie sie wieder nachwuchsen. Und Möhren. Riesige Möhren… Für Brot und andere Leckereien sorgte die immer gut gelaunte Ivana, die in einer Art Gaststätte innerhalb der Stadt arbeitete und die Essensreste, die die Bezeichnung „Reste“ eigentlich nicht verdient hatten an die Gemeinschaft verteilte. Außerdem konnte sie ganz vorzüglich kochen. Das kann ich, der Schreiber dieser Geschicht‘ aus eigener Erfahrung nur bestätigen. Genug zu Essen und gute Laune war also stets vorhanden in dem Haus. Und auch an Unterhaltung mangelte es nicht. Da gab es zum Beispiel die verrückte Band „Diarrö“, bestehend aus den drei außerordentlich begabten feministischen Musikerinnen Schirin, Isabel und Jana. Jana konnte nicht nur außergewöhnlich gut spielen, sondern hatte auch eine gar liebliche Stimme, wie sie immer wieder, auch bei Konzerten des mittlerweile weltbekannten Fuchs-Chores unter Beweis stellte. Abseits der Musik gab es natürlich auch noch andere Unterhaltung – Von den Beiden Wandersgesellen Torsten und Gregor, die in der Weltgeschichte herumreisten und die Fragen der Menschheit in einem Manuskript sammelten – auch die mitunter genialen Antworten… Ihre große Sammlung gaben sie dann gelegentlich bei festlichen Anlässen zum Besten, was die Zuhörer wiederum dazu veranlasste sich vor Lachen in ihren Stühlen zu biegen. Natürlich waren Gregor und Torsten auch sonst gern gesehene Gäste im Haus und hatten immer gute Ideen. Mich persönlich brachten sie sogar dazu eines Tages aus einer Torte zu springen. Doch das ist eine andere Geschichte..Es ist schwer die Gesamtheit der bedeutungsvollen Ereignisse, die sich an diesem Orte ereigneten, in Worte zu kleiden. Es war eine bunte Gemeinschaft, mit vielen Menschen, die ihre individuellen Fähigkeiten, Gedanken und Herzen zu einem großen Ganzen verschmolzen. Jetzt fehlte nur noch ein Name. Liselotte machte sich Tag und Nacht Gedanken – bis sie endlich realisierte was eigentlich auf der Hand lag. Zur Erklärung: Ein Zuhause wurde damals umgangssprachlich auch Busch genannt. Liselotte die eigentlich aus Bade-Würtebersch kam, dachte – obwohl sie schon weit gereist warimmer noch in ihrem heimatlichen Dialekt. Und so schoss ihr folgender Gedanke durch den Kopf: I Hab-a-Busch gfunde! -Ich hab ein Zuhause gefunden. Der Name Hababusch war geboren. Und so schuf Liselotte nicht nur ein Zuhause für sich, sondern auch für viele Menschen um sie herum. Viele Jahre lebten sie dort glücklich zusammen und es fehlte ihnen an Nichts. Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute…………..

Nachtrag:
Was aus Hernando wurde? Nach seiner Reise nach München war er nicht nur Ex-Spanier- sondern auch Ex-italienischer Apfelbauer geworden. Denn seine Äpfel waren so hervorragend, dass das Geschlecht der Wittelsbacher ihn als Hofapfelbauer für die herzöglichen Gärten engagierte. Seine Frau und Familie holte er aus Italien zu sich. Denn Zuhause, wie wir Alle wissen ist nicht nur ein Wort, oder Ort. Es ist ein Gefühl. Und egal, wo du dich niederlässt, du kannst überall zuhause sein.